Wer trägt die Hosen?

Erinnerungen an die oft belächelte Geschichte eines bedeutenden Kleidungsstücks.

Die Diskussion um Hosen hat schon seit Langem eine zentrale Rolle in der Kleiderordnung von Frauen gespielt. In den 60er Jahren durften Mädchen an meiner Schule im Odenwald keine Hosen tragen. Ich konnte das nicht verstehen, da Kleider meiner Meinung nach viel aufsehenerregender waren. Erst später wurde mir klar, dass es nicht um die Abwehr einer erotischen Bedrohung ging, sondern darum, die sexuelle Differenz zu betonen. Frauen sollten nicht wie Männer aussehen und Männer sollten nicht wie Frauen aussehen. Kurze Haare waren ein Muss für Männer.

Später rückte die Debatte um Hosen in den Hintergrund und die Frage, wie kurz die Röcke sein dürfen, stand im Fokus. Hier ging es definitiv um sexuelle Anziehungskraft. Damals wusste ich noch nicht, dass preußische Regierungsbeamte 1789 verboten wurde, die neuen knöchellangen Hosen zu tragen, die in Frankreich eingeführt wurden. Das hätte mir die Absurdität unserer Kleiderordnungen verdeutlicht.

Diese Debatten scheinen in den letzten Jahren wieder aufgeflammt zu sein. Eine junge Frau wird von ihren türkischen Verwandten wegen ihrer zu kurzen Hosen kritisiert. Selbst der Gemüseverkäufer, der sie nicht kennt, meint, er habe das Recht, ihr zu sagen, wie sie sich als „Türkin“ zu kleiden hat.

In Kreuzberg sieht man viele junge Paare spazieren gehen: Die Männer tragen T-Shirts und kurze Hosen, während ihre Frauen Burkas tragen. Hier geht es ebenfalls um sozialen Abstand. Der Abstand zwischen Mann und Frau wird markiert, genauso wie zwischen „unseren“ und deutschen Frauen. Den Männern wird erlaubt, diesen Abstand im Kopf herzustellen, während die Frauen dies durch ihre Kleidung ausdrücken müssen.

Further reading:  Welche Sneakers passen zum Kleid?

Werfen wir einen Blick auf die Geschichte der Frauenhose. Griechen und Römer trugen Umhänge und Röcke, während Kelten und Germanen Hosen trugen. Dies ist deutlich auf der Trajanssäule in Rom zu sehen, die seit 113 n. Chr. dort steht. Einige Frauen in Hosen sind ebenfalls darauf abgebildet. Wie und warum haben dann die Frauen in Mitteleuropa ihre Hosen durch Röcke ersetzt? Es gab sicherlich Bäuerinnen, die Männerhosen trugen. Aber die berühmte Szene aus Grass‘ „Blechtrommel“ funktioniert nicht mit Hosen: Kartoffelernte im Oktober 1899. Anna Bronski sitzt am Rande des Feldes und versteckt einen Mann unter ihren Röcken vor den Feldgendarmen. Neun Monate später bringt sie eine Tochter zur Welt.

Das Spiel mit den Geschlechtern ging immer Hand in Hand mit dem Spiel mit den Kostümen. Wikipedia führt eine „Liste als Mann verkleideter weiblicher Militärpersonen“ auf, die von Homer bis zum 20. Jahrhundert reicht. In der Ilias wird eine Frau, die sich zu den Männern gesellt, bestraft. Die Hose machte den Mann im christlichen Abendland aus. Wer die Hosen hatte, hatte das Sagen.

Diese Komik, die darin lag, den Unterschied der Geschlechter durch Kleidung sichtbar zu machen, wurde auf der Bühne immer wieder genutzt, um Heiterkeit zu erzeugen.

Aber als einige Frauen begannen, aus dem Spiel Ernst zu machen und in Männerkleidung durch die Straßen von Paris und Berlin zu gehen, schritt die Justiz ein. Louise Aston wurde 1846 aus Berlin ausgewiesen, als sie nicht nur Hosen trug, sondern sich auch gegen die Institution der Ehe aussprach.

Im Kampf um Gleichheit spielten Hosen eine wesentliche Rolle. Je mehr Männer Hosen als ihr besonderes Vorrecht reklamierten und sie zu einem Symbol machten, desto mehr Frauen stritten dieses Symbol ab.

Further reading:  Titi and the German Kid: Welche Hemden sind über der Hose im Trend?

Die amerikanische Frauenrechtlerin Amelia Bloomer kreierte 1851 eine weite Hose, die an den Knöcheln mit Bändern zusammengebunden wurde. Sie nannte sie „Türkische Hosen“ oder auch „Bloomers“. Sie wurden bald zum Erkennungszeichen der Frauenbewegung. Hosen waren Teil einer radikalen Reform der Mode. So wie Frauen später ihre Korsetts verbrannten, warfen sie damals ihre Reifröcke weg und machten Platz für bequeme Hosen.

Der Erste Weltkrieg veränderte alles. Frauen übernahmen Männerjobs und trugen Overalls, die unisex waren. Als sie diese auszogen, schlüpften sie in kurze, schwingende Kleider, die ihre Knie nicht mehr bedeckten. Sie schnitten sich die Haare kurz und der Bubikopf wurde geboren. Als Frauen Hosen trugen, wurde die „Garçonne“ geboren. Diese Mode spielte mit dem traditionellen Geschlechterbild. Viele Frauen spielten nicht nur mit diesem Bild. Es galt als modern, lesbisch zu sein oder zumindest so zu tun. Damit zeigten Frauen auf radikale Weise, dass sie Männer nicht brauchten.

Eine der bekanntesten „Garçonnes“ in Deutschland war Marlene Dietrich. 1933 erklärte sie ihre Vorliebe für Männerkleidung: „Ich finde, dass ich in Männerkleidern attraktiver wirke. Außerdem bieten sie eine vollkommene Freiheit und Bequemlichkeit.“ Sie ließ sogar ähnliche Anzüge für ihre Tochter Heidede schneidern und betonte, dass Hosen sie in ihrer Freizeit besser schützen als Röcke. Die „Marlene-Hose“ existiert seit 1932 mit einigen Unterbrechungen bis heute.

Die Frauenhose war jedoch noch lange nicht überall akzeptiert. 1966 wurde der Sängerin Esther Ofarim der Zutritt zur Bar des Hamburger Atlantic-Hotels verwehrt, weil sie einen Hosenanzug trug. Auch Senta Berger wurde in einem Londoner Hotel daran gehindert, in einem Anzug zu speisen. Der berüchtigte CSU-Politiker Richard Jaeger drohte 1970 damit, jede Abgeordnete, die in Hosen zur Plenarsitzung erscheinen sollte, aus dem Saal zu verweisen.

Further reading:  Titi And The German Kid: Wunderbare Farbkombinationen für Gelbe Kleidung!

Diese Drohung veranlasste die SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer, sich einen Hosenanzug zu kaufen und am 15. April 1970 damit den Plenarsaal des Bundestages zu betreten. Es entstand Aufregung, aber Carlo Schmid von der SPD war der Einzige, der die Kritik thematisierte. Ansonsten drehte sich alles um das Thema der Debatte.

Der Kampf um die Bewegungsfreiheit von Frauen hört niemals auf, genauso wenig wie der um die von Männern. In der indonesischen Provinz Aceh wurde 2003 die Scharia eingeführt. Frauen dürfen seit Januar 2010 keine engen Hosen mehr tragen, es sei denn, sie bedecken sie mit knöchellangen Röcken. Die Scharia-Polizei wacht darüber. Trotzdem gibt es in Aceh mehr sexuelle Übergriffe als im Rest Indonesiens. Deshalb wurde es Frauen verboten, nach 23 Uhr ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit zu sein. Homosexuellen Vergehen wird mit Auspeitschung bestraft.

Der Kampf um die Hose ist immer ein Kampf um Freiheit. Das Beharren auf kleinen Unterschieden dient nur dazu, das Machtgefälle aufrechtzuerhalten. Die Geschichte der Hose ist ein Stück Sexualpolitik.